Editorial
Liebe Qigong Familie, liebe Mitglieder,
Ihr haltet die 61. Ausgabe unseres Periodikums in Händen und dieses Mal widmen wir uns einem Thema, das so vielfältig ist wie das Leben selbst: Wege.
Wege, die wir bewusst wählen. Wege, auf die uns das Leben führt. Gerade, verschlungene, leichte und manchmal auch steinige Wege. Auf den kommenden Seiten erwarten Euch dazu viele schöne, spannende und persönliche Gedanken. Vielleicht ist auch einer dabei, der Dich ein Stück auf Deinem eigenen Weg begleitet.
Wenn ich an „Wege gehen“ denke, führt mich mein Gedanke unweigerlich zu einer Übung, die mich seit mehr als 25 Jahren begleitet: Xi Xi Ho, das nierenstärkende Gehen im Qigong.
Viele Hundert Stunden und Kilometer bin ich es wohl schon gegangen. Und trotzdem fühlt es sich für mich nie einfach nur wie eine Übung an. Sobald ich beginne, Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug, geschieht etwas. Ich werde ruhiger. Ich komme bei mir an. Und manches, was vorher festgefahren schien, beginnt sich wieder zu bewegen.
Xi Xi Ho lehrt mich, mich aufzurichten – aber nicht mit den Ellbogen. Nicht mit jener Kraft, mit der wir uns manchmal gegen das Leben stemmen, etwas erzwingen oder unseren Willen durchsetzen wollen. Sondern mit Liebe. Und vor allem mit Freude.
Darin liegt für mich eine der tiefsten Erfahrungen dieses Gehens: Es geht um einen anderen Willen. Nicht um den Willen unseres Egos, das möchte, dass das Leben unseren Vorstellungen folgt. Sondern um einen tieferen Willen – den Willen, Ja zum Leben zu sagen.
Auch dann, wenn es anders kommt, als wir es uns gewünscht haben. Wenn schwere Zeiten kommen oder wir nicht verstehen, warum etwas geschieht. Dieses Ja bedeutet nicht, alles gutzuheißen, Schmerz zu verleugnen oder Schwierigkeiten schönzureden. Es ist vielmehr eine innere Entscheidung, immer wieder jene lebensbejahenden Kräfte in uns zu nähren, die uns mit dem Leben verbinden. Wie oft bin ich mit einer Frage losgegangen. Mit einem Gedanken, der mich beschäftigt hat. Mit dem Gefühl, nicht zu wissen, wie es weitergeht. Früher wollte ich Antworten finden. Heute weiß ich: Ich muss sie nicht erzwingen.
Ich gehe.
Und irgendwann zeigt sich etwas. Eine Idee. Ein neuer Blick. Ein Gefühl. Manchmal nur ein kleiner Gedanke – und manchmal ganz einfach der nächste Schritt.
Vielleicht ist es genau das, was mich am Gehen so berührt: Wir müssen nicht immer den ganzen Weg kennen. Wir müssen nicht wissen, was hinter der nächsten Biegung wartet. Manchmal genügt das Vertrauen, dass sich der Weg zeigt, während wir ihn gehen.
Xi Xi Ho schenkt mir dabei eine stille Kraft. Eine Kraft, die nichts beweisen muss, die nicht laut ist und niemanden besiegen will. Sie sagt einfach:
Ich bin da. Ich bin verbunden. Ich gehe weiter.
Und vielleicht führen uns die wichtigsten Wege unseres Lebens am Ende gar nicht irgendwohin. Vielleicht führen sie uns immer wieder ein Stück näher zu uns selbst.
In diesem Sinne wünsche ich viel Freude beim Lesen und den Mut und das Vertrauen, Eure ganz eigenen Wege zu gehen. Herzlichst
Sabine Döllerer und das Redaktionsteam Angelika Guldt, Elisabeth Haas, Claudia Partl
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